Der Biber wird ins Visier genommen

Der Bundesrat will die Jagdverordnung revidieren und damit dem Biber auf den Pelz rücken. Die Pläne von Umweltminister Albert Rösti sorgen bei Pro Natura und dem kantonalen Bauernverband für Kritik - aus unterschiedlichen Gründen.

Bundesrat Albert Rösti will dem Biber mit der neuen Jagdverordnung an den Kragen. Foto: Pixabay
Stephan Weber

Die Verordnung über die Jagd und den Schutz wild lebender Säugetiere und Vögel – kurz Jagdverordnung – stammt aus dem Jahr 1988. Sie soll angepasst werden. Aktuell läuft dazu die Vernehmlassung, in Kraft treten soll das Gesetz am 1. Februar 2025. Die Vorlage gibt schon jetzt viel zu reden. Unter anderem, weil der Bundesrat dem Biber, der seit 1962 unter Schutz steht, an den Kragen will.

Um was geht es im überarbeiteten Jagdgesetz? Unter dem Artikel 9d in der 19-seitigen Verordnung ist zu nachzulesen, dass die Kantone einzelne Biber schiessen dürfen, wenn diese Menschen gefährden oder «erhebliche Schäden» anrichten. Als erhebliche Schäden gelten Überflutungen von Siedlungen, Rückstau von landwirtschaftlichen Drainagesystemen, wenn dadurch Ackerböden betroffen sind oder falls sich das Nagetier in Anlagen zur Wasseraufbereitung oder Abwasserreinigung aufhält.

«Abschuss löst das Problem nicht»

Naturgemäss keine Freude an der neuen Jagdverordnung hat die Fachstelle «Aktion Biber & Co» Zentralschweiz von Pro Natura Luzern. Die Naturschutzorganisation lehnt Einzelabschüsse von Bibern, die keine relevanten Schäden angerichtet hätten, «strikt ab». Die Organisation spricht von einer «Aufweichung des Artenschutzes». Präventive Abschüsse von Bibern seien weder Bestandteil der Gesetzrevision 2022 gewesen, noch entspreche dies dem Willen der Stimmberechtigten, als sie das Jagdgesetz im September 2020 abgelehnt hatten. «Es ist unredlich, solch stark erweiterte Abschlussmöglichkeiten durch die Hintertür der Jagdverordnung einführen zu wollen», sagt Miriam Peretti, Projektleiterin «Aktion Biber & Co.» Zentralschweiz. Zudem bestehe schon heute die Möglichkeit, Biber zu schiessen, falls Präventivmassnahmen nichts nützen. «Ein Abschuss löst den Konflikt nicht», sagt Peretti und gibt ein Beispiel: «Ein für den Biber passendes Gewässer wird innert kürzester Zeit neu besiedelt. Der Konflikt wird mit dem Abschuss bloss aufgeschoben.»

Während sich die Anzahl Konflikte im Kanton Luzern aus Sicht der Fachstelle «stark in Grenzen» halten, erwartet der kantonale Bauernverband in Zukunft «zunehmende Konflikte». Diese würden sich oft erst nach mehreren Jahren zeigen, sagt Raphael Heini vom Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband (LBV). Der Biber könne in der Landwirtschaft zu grossen Schäden führen. «Weil früher oder später fast jede geschützte Tierart zur schadenstiftenden Tierart wird, ist es wichtig, diese rechtzeitig und wirksam zu regulieren.»

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Biber in der Schweiz ausgerottet. Bis Mitte der 1990er-Jahre entwickelte sich die Population des Nagers nur sehr langsam und kaum ausgebreitet. Noch im Winter 2007/2008 zählte man im Rahmen des Bibermonitorings Schweiz erst einen einzigen Nachweis im Raum Büron an der Suhre. Seither breitet sich der Nager in der nördlichen Hälfte des Kantons Luzern und im Reusstal zunehmend aus. In einem nationalen Monitoring aus dem Jahr 2022 wurden im Kanton Luzern 47 Biberreviere festgestellt. Miriam Peretti sagt, es gebe noch geeignete, unbesiedelte Gebiete im Kanton Luzern. «Der Bestand wird also wahrscheinlich noch zunehmen. Wenn alle für den Biber geeignete Reviere besetzt sind, wird sich der Umfang der Biber einpendeln.»

«Schaden komplett entschädigen»

Überflutetes Landwirtschaftsland, angenagte Bäume oder Böden, die durch den Nager unterhöhlt werden: Drei Beispiele von Schäden, mit denen sich laut Raphael Heini die Landwirte im Kanton Luzern konfrontiert sehen. Zwar seien die Diskussionen rund um den Wolf viel emotionaler als beim Biber. Trotzdem sei die Situation für Landwirte, die von Biberschäden betroffen sind, schwierig. Mit der revidierten Jagdverordnung kommt der Kanton für die Hälfte der Schäden an Wald, landwirtschaftlichen Kulturen sowie Bauten und Anlagen auf. Dem kantonalen Bauernverband ist das zu wenig. «Wenn nur die Hälfte für einen Schaden bezahlt wird, für den man nichts dafür kann, ist es definitiv zu wenig», sagt Heini. «Der Schaden müsste komplett durch die Gesellschaft gedeckt werden.» Zudem sei es stossend, dass Schäden an Land oder Maschinenschäden, welche durch die Biber entstehen können, nicht entschädigt würden.

Beste Gebiete bereits besiedelt

Die Dienststelle Landwirtschaft und Wald (lawa) greift bei einer laufenden Vernehmlassung der Regierung nicht vor und gibt deshalb keine Stellungnahme zur neuen Jagdverordnung ab. Der Regierungsrat wird sich im Rahmen der Vernehmlassung äussern, sagt Andrea Muff, Fachspezialistin Kommunikation bei Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement (BUWD). Auf die Frage, wie gross das Konfliktpotenzial des Bibers im Kanton Luzern sei, antwortet sie: «Es gibt mehr Biber, dadurch hat auch das Konfliktpotenzial zugenommen. Letzteres jedoch nicht im selben Mass wie die Population der Biber.» Dies deshalb, weil die besten Biberlebensräume wie die Reussebene, welche gleichzeitig auch das grösste Konfliktpotenzial birgen, zuerst besiedelt wurden. «Die Gebiete, welche neu besiedelt werden, sind in aller Regel weniger konfliktträchtig.» Die am weitesten verbreiteten und häufigsten Konflikte entstünden in der Landwirtschaft, so Muff. Das grösste Vernässungsrisiko ortet sie in flachen Gebieten wie der Reussebene, «da Biberdämme dort die weitreichendste Stauwirkung haben». Bei den Diskussionen um den Biber dürfe nicht vergessen werden, dass in Naturschutzgebieten oder an Orten, wo der Biber uneingeschränkt wirken könne, wertvolle Feuchtlebensräume entstünden. Als Beispiel erwähnt sie das Zürcher Weinland, wo der Biber einen grossen Teil eines Waldes fluten durfte und so hochwertiger Lebensraum entstand.

«Es ist schade, dass über den Biber meist im Zusammenhang mit Konfliktsituationen berichtet wird», sagt Miriam Peretti. Dabei müssten seine positiven Eigenschaften viel häufiger erwähnt werden. So erhöhe der Biber die Artenvielfalt rund um die Gewässer und sorge für mehr Wasserrückhalt in der Landschaft. 2018 etwa, als die Schweiz einen aussergewöhnlich heissen und trockenen Sommer erlebte, mussten an der Wyna in Beromünster dank den Biberdämmen keine Fische aus dem Bach gerettet werden, da durchs Stauen die Fische stets genügend Wasserzufluchtsorte vorfanden.

Der Biber: Ein Biodiversitätsförderer? Oder ein Tier, das zunehmend für Konflikte sorgt? Wie inskünftig in der Schweiz mit dem grössten Nager Europas umgegangen wird, wird sich zeigen. Die Vernehmlassung der revidierten Jagdverordnung dauert noch bis zum 5. Juli.

Familientier und Landschaftsarchitekt

Der Biber (Castor fiber) ist das grösste Nagetier Europas. Ein ausgewachsenes Tier wird ca. 80 bis 100 Zentimeter lang, dazu kommt der bis 30 Zentimeter lange Schwanz. Das Nagetier wiegt zwischen 20 und 30 Kilogramm, es gibt Individuen, die bis zu 40 Kilogramm schwer werden können.

Lebensraum und Lebensweise: Biber halten sich in der Nähe von Wasserläufen, Seen und Feuchtgebieten auf. Das Nagetier baut Dämme und Burgen und schafft so neue Lebensräume für eine Vielzahl von Tierarten oder auch Pflanzen. Der Biber gilt als «tierischer Landschaftsarchitekt».

Biber sind Vegetarier und ernähren sich von Gräsern und zig Pflanzen. Im Winter liebt er Baumrinden, deshalb sieht man in dieser Jahreszeit auch deutlich mehr Nagespuren an den Bäumen. Auch Zuckerrüben oder Mais mag er.

Biber sind Familientiere, lebenslang partnertreu. Einmal im Jahr findet die Fortpflanzung statt, die Weibchen bringen nach einer Tragzeit von rund drei Monaten zwei bis vier Jungtiere zur Welt. Die ältesten geschlechtsreifen Biber müssen dann das elterliche Revier verlassen. Auf der Suche nach einem Partner oder nach einem passenden Revier legen die Biber Distanzen von mehreren Kilometern zurück. Dabei bewegen sie sich vorwiegend entlang von Gewässern fort. Sie bleiben nahe bei den Eltern und flüchten sich immer wieder auf deren Rücken.

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