So wenig Amphibien wie noch nie gezählt

Die verzeichnete Zahl der Amphibien im Ostergau und im Hagimoos sank auch in diesem Frühling weiter. Viele Tiere wurden hingegen im Willisauer Mülital gezählt, wo erstmals ein Zaun erstellt wurde.

Bei dieser Amphibie ist die Zahl der Zählungen im Hagimoos «auf bescheidenem Niveau stabil»: der Grasfrosch. Foto Urs Jost
Ramon Juchli

Rekordtiefs im Kottwiler Hagimoos und Willisauer Ostergau: Wie in den letzten Jahren werden an den beiden Amphibien-Zugstellen deutlich weniger Tiere dokumentiert als im Vorjahr. Der Trend spitzt sich zu. Und weder die Zugstellenbetreuer noch die zuständige kantonale Dienststelle kennen die Ursachen.

Im Frühjahr 2023 wurden an der Amphibien-Zugstelle im Ostergau erstmals weniger als 1000 Tiere auf Laichwanderung gezählt. Das berichtete damals Pius Kunz, der seit 2009 das Naturschutzgebiet Ostergau betreut und gemeinsam mit Freiwilligen die Zählung durchführt. In diesem Jahr setzte sich der Negativtrend fort.

Am 8. Februar wurde der Amphibienzaun erstellt, am 22. März wieder abgebaut. In diesem Zeitraum wurden nur 684 Tiere gezählt. 2023 waren es noch 922. Der Durchschnitt der letzten 25 Jahre lag im Ostergau wesentlich höher: bei über 3000 Tieren pro Wanderung.

Ein Bericht des Vereins NaturNetz Region Willisau hält fest: «Der Rückgang der gezählten Tiere ist beunruhigend.» Weniger Amphibien am Zaun hätten auch zu geringerer Laichaktivität in den Weihern geführt. Pius Kunz schreibt im Bericht weiter: «Ich hoffe sehr, dass die kantonale Dienststelle Landwirtschaft und Wald sowie die Schweizer Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz aktiv werden und versuchen, die Ursachen zu klären.»
 

Neuer Tiefstwert bei der Zählung im Hagimoos

Das gleiche Bild zeigt sich im Hagimoos. Die dortige Zugstelle betreut Urs Jost seit über 15 Jahren. Gut 80 Prozent der Amphibien finden ihre Laichplätze dort selbständig – sie nutzen eine der zehn Tunnel unter der Strasse zwischen Kottwil und Mauensee. Die übrigen Tiere stehen wie im Ostergau an Zäunen an. Heuer hat Urs Jost nochmals deutlich weniger Amphibien gezählt als noch 2023: Die Zahl der gewanderten Tiere sank von 3255 im Vorjahr auf 1240. Ein neuer Tiefstwert. Insbesondere Erdkröten sind betroffen: Jost zählte weniger als die Hälfte als noch im letzten Jahr. Die Anzahl der Grasfrösche und Molche sei auf bescheidenem Niveau stabil.

Der Blick zurück zeigt, welch drastischen Einbruch dies bedeutet: «Vor 2019 waren pro Jahr immer zwischen 9000 und 10 000 Tiere unterwegs», hält Urs Jost fest. Wie ist dieser Rückgang zu erklären? Jost kann bloss Vermutungen äussern: «Womöglich liegt es an den trockenen Sommern.» Diese könnten bei der Jungtierwanderung Ende Juni / Anfang Juli zu grossen Ausfällen führen. «Dies dürfte sich dann auf die Zahlen bei der Laichwanderung im Frühling etwa zwei, drei Jahre später bemerkbar machen.» Auch Jost wünscht sich, mit der Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa) zusammenzusitzen.
 

Erklärungsansätze der kantonalen Dienststelle

Die Verantwortlichen bei der Lawa kennen die Zahlen und tauschen sich mit den Betreuern der Zugstellen aus. «Besorgniserregend» seien die Rückgänge im Ostergau und Hagimoos, sagt Matthias Kaiser, Projektleiter Artenförderung bei der Lawa. «Momentan können wir nicht sagen, worauf diese zurückzuführen sind und welche Massnahmen hier entgegenwirken könnten.» Diesbezüglich stehe die Lawa in Kontakt mit der Koordinationsstelle für Amphibien und Reptilienschutz in der Schweiz und mit anderen kantonalen Fachstellen.

Bis jetzt gebe es erst Ansätze zur Erklärung. «Probleme bei der Hin- und Rückwanderung, aber auch im Laichgewässer selber, könnten die Rückgänge erklären. Zahlreiche Einflussfaktoren sind denkbar, welche das Überleben der Tiere während der verschiedenen Lebensabschnitte negativ beeinflussen könnten», so Kaiser. Wie auch Urs Jost vermutet, könnten auch die heissen und trockenen Sommer eine Rolle spielen. «Es ist denkbar, dass dadurch mehr Jungtiere versterben als sonst, bevor sie kühlere und feuchte Landlebensräume finden.» Momentan sei all das jedoch blosse Spekulation. Die Lawa sei im Austausch mit Expertinnen und Experten, um verschiedene Ursachen zu prüfen.

Wurde im Hagimoos im vergangenen Frühjahr weniger als halb so oft gezählt wie noch 2023: die Erdkröte. Foto Urs Jost

Kein einheitliches Bild

Die Amphibienpopulation im Kanton Luzern entwickle sich unterschiedlich. An gewissen Zugstellen steigen die Zahlen, anderswo sinken sie. «Die Zugstellen müssen als Einzelfälle betrachtet werden», betont Matthias Kaiser. Ein Vergleich der diesjährigen Rückgänge im Hagimoos und Ostergau mit allen Luzerner Zugstellen ist noch nicht möglich. Die aktuellen Zahlen werden erst im Verlauf des Sommers vollständig bei der Lawa eintreffen.

Wie sich der starke Rückgang einer Amphibienpopulation auf einen Lebensraum auswirke, lasse sich nicht genau benennen. «Uns sind darüber keine Studien bekannt», so Kaiser. Amphibien seien jedoch «ein wichtiger Teil der Nahrungskette». Sie dienen Säugetieren und Vögeln als Nahrungsquellen und erbeuten selbst Kleintiere wie Spinnen oder Insekten.
 

Erstmals ein Amphibienzaun im Mülital: 4000 Tiere gezählt

Ein Lichtblick für das NaturNetz Region Willisau bot heuer hingegen die Amphibienwanderung im Mülital, Willisau. Im Bereich der Fischbecken querten seit Jahren «viele Amphibien» die Strasse, hält Pius Kunz fest. «Auf Intervention von Anwohner Christof König haben wir uns entschlossen, auch hier schützend einzugreifen.» Acht Personen haben am 20. Februar einen Zaun aufgestellt. Dieser wurde anschliessend an die Räumungsarbeiten im Ostergau von der gleichen Arbeitsgruppe abgebaut. Material und Werkzeug wurden vom Werkdienst Willisau transportiert.

Die Kontrollgänge führte Christof König durch. Er zählte rund 4000 Tiere, vor allem Erdkröten und Grasfrösche. Auch einige Bergmolche waren dabei, möglicherweise auch ein Fadenmolch. Trotz des Zauns wurden gemäss Zählungen mehr als 200 Tiere überfahren.

Die Aktion im Mülital wird gemäss Pius Kunz auch nächstes Jahr wieder stattfinden.

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