Ein Kultspiel feiert Jubiläum

«Brändi Dog»: Ein Spiel mit Kult­status wird 25 Jahre alt. Die gebürtige Ettiswilerin Brigitte Schumacher ist einer von vielen Menschen mit Beeinträchtigung, die hinter der Produktion des Zentralschweizer Brettspiels stecken.

Brigitte Schumacher arbeitet seit 21 Jahren für die Stiftung Brändi. Seit letztem Jahr ist die gebürtige Ettiswilerin in der Verpackungsabteilung des Brettspielklassikers «Brändi Dog» tätig. Foto Anna Graf

Falten auf der rechten Seite, dann auf der linken, jetzt oben und unten die Ränder eindrücken: Die gebürtige Ettiswilerin Brigitte Schumacher (47), die heute in Willisau wohnhaft ist, sitzt konzentriert am Werk. An ihrem Arbeitsplatz im AWB Neubrugg der Stiftung Brändi in Sursee. Stapel um Stapel faltet sie zu Kartonschachteln, die in vielen Schweizer Wohnzimmern anzutreffen sind. Die Aufschrift: «Brändi Dog». Seit 25 Jahren produziert die Stiftung Brändi das Kultspiel.

Das Brettspiel mit Langzeitmotivation wird im Team und mit Bridge-Karten gespielt. Es hat Ähnlichkeiten mit «Eile mit Weile», durch die taktischen Elemente ist es aber variantenreicher. Gespielt wird als Team. Ein Team kann die gegnerischen Spielkugeln «heimschicken». Die Kartenwerte können sowohl auf die Spielzüge als auch auf die Teampartner aufgeteilt werden. Gewonnen hat das Team, welches geschickt zusammenspannt und als erstes alle Spielkugeln ins Ziel bringt. In Sursee werden die Holzplatten für das «Brändi Dog»-Spielfeld bearbeitet, Stoffbeutel für die Spielkugeln genäht, Schachteln gefaltet und das komplette Spiel versandfertig in Schrumpffolie eingeschweisst. Die Nachfrage wächst und wächst: «Im Vergleich zum Vorjahr sind unsere Verkaufszahlen um 40 Prozent gestiegen», sagt Matthias Moser, Leiter der Fachstelle Marketing und Kommunikation. Grund? Der Brettspielboom der letzten Jahre sei durch die Corona-Pandemie noch verstärkt worden, so Moser.

Leistungsdruck als Fremdwort
Auf galaxus.ch ist «Brändi Dog» der erste Eintrag in der Kategorie «Brettspiele». Will heissen: Es steht ganz zuoberst auf der Hitliste der gefragtesten Brettspiele. Trotz steigender Produktionszahlen lassen sich Lieferengpässe nicht vermeiden. Für David Winterberg, Leiter der Werkgemeinschaft im AWB Neubrugg, steht aber nicht schnelles Wachstum, sondern das Wohlbefinden der Arbeitnehmenden im Zentrum. «Wir nehmen einen betreuerischen Auftrag wahr», sagt der gebürtige Roggliswiler: «Deshalb verlangen wir von unseren Mitarbeitenden nicht mehr Leistung, sondern optimieren das Drumherum, also unsere Produktionsprozesse.» Rund 160 Angestellte sind bei der Stiftung Brändi in Sursee beschäftigt, 55 davon stammen aus dem WB-Lesergebiet. Während in den Willisauer Werkstätten hauptsächlich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung angestellt sind, arbeiten in Sursee überwiegend solche mit psychischer Beeinträchtigung. Diese Aufteilung ist bewusst: «Einerseits können so die Arbeiten besser auf die einzelnen Fähigkeiten der Mitarbeitenden ausgerichtet werden», erläutert David Winterberg. Andererseits würden psychische oder geistige Beeinträchtigungen ganz unterschiedliche Anforderungen an die Begleitung stellen. In Sursee gibt es sowohl geschützte Arbeitsplätze als auch Stellen für Menschen, die sich für den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt vorbereiten. «Die Menschen, die hier arbeiten, tragen alle ihr Rucksäckchen», hält David Winterberg fest. «Auf den ersten Blick ist es ihnen vielleicht nicht anzusehen.» So arbeiten Menschen mit verschiedenen psychischen Erkrankungen sowie Hirnverletzungen im AWB Neubrugg. Hier sei das richtige Gespür für die Stärken und Bedürfnisse der verschiedenen Arbeitnehmenden gefragt. Als einige Maschinen im AWB Neubrugg für einen besseren Materialfluss neu angeordnet wurden, informierte man die Angestellten im Voraus, involvierte sie und holte ihre Meinung ab. «Wir ziehen unsere Mitarbeitenden mit ein, damit sie mit den Veränderungen besser umgehen können», sagt David Winterberg.

Genauigkeit und Fingerfertigkeit
«Am liebsten bin ich beim Schachtelfalten», sagt Brigitte Schumacher. Hier sind rund 13 Frauen und Männer mit psychischer Beeinträchtigung tätig, die meisten davon im Teilzeitpensum. «Wir plaudern auch mal, aber meistens wird gearbeitet.» Beim Falten der Kartonschachteln zeigt die Ettiswilerin ihre Stärken: Genauigkeit und Fingerfertigkeit. «Auf Frau Schumacher ist Verlass», sagt auch Gruppenleiter Jöel Brun. Brigitte Schumacher gefällt die Arbeit. Eines vermisst sie aber: «Wieder einmal ein ‹Brändi Dog›-Turnier.» Vor Corona gab es im AWB Neubrugg regelmässige Spielnachmittage. Momentan darf Werkgemeinschaftsleiter David Winterberg solche Spielwünsche nicht erfüllen, obwohl sie regelmässig im Wunschbriefkasten zu finden sind.

Die Sache mit dem Namen
Blicken wir ins Jahr 1995 zurück: An einem Spielabend lernt Gregor Schmucki, ein Gruppenleiter im AWB Neubrugg, das kanadische Spiel «Tock» kennen. Weil es in der Schweiz keine Spielbretter dazu gibt, zeichnet seine Arbeitskollegin das Spielfeld auf dem Tischtuch auf. Gregor Schmucki ist begeistert: Dieses Spiel könnte zu seinem perfekten Zeitvertreib spät­abends auf Bergtouren werden. Sofort macht er sich ans Design für ein Spielbrett. Handlich und leicht soll es sein. 1996 wird in Sursee das erste «Brändi Dog» hergestellt: Von Beginn an sind Menschen mit Beeinträchtigung an der Produktion beteiligt. Trotz Hundeaufdruck hat das Spiel übrigens nichts mit Bello und Co. zu tun. Der Name ist vielmehr auf ein Sprachmissverständnis zurückzuführen: im Englischen wird das Spiel «Tock» genannt, im Hochdeutschen «Tac», im Französischen «Toc» und in der Schweiz wurde daraus «Dog». Den zahlreichen Fans des Brettspiels dürfte dieses kleine sprachliche Missgeschick aber egal sein. Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums von «Brändi Dog» dürfen sie sich auf eine Spezialspielbox aus Holz freuen – und auf Pralinen, die aussehen wie farbige Spielkugeln.

Anna Graf

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