Er arbeitet zu 100 Prozent ehrenamtlich

Dominik Galliker engagiert sich als Freiwilligenarbeiter im Flüchtlingswesen. Ab Oktober geht er dafür keiner bezahlten Arbeit mehr nach. Wie funktioniert das?

Dominik Galliker (m.) unterstützt Amrullah Mohmand (l.) und Zarmina Noori (r.) bei der Wohnungssuche.

Dominik Galliker ist ein Mensch voller Tatendrang und Hilfsbereitschaft. Im Gegenzug dafür erwartet er nicht viel. Weder ein grosses Einkommen und materieller Wohlstand sind ihm wichtig, noch sucht er das Rampenlicht. Der 30-Jährige ist in Menznau aufgewachsen und liess sich am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern zum Journalisten ausbilden. Bis zuletzt arbeitete er für die Berner Zeitung. Seit diesem Monat ist jedoch Schluss mit dem regelmässigen Arbeitseinkommen. Galliker widmet sich zu 100 Prozent seinen Freiwilligenprojekten. Supporter sichern seine Existenz.

Bezugs- und Deutschlehrpersonen
Bereits zuvor arbeitete Galliker grossmehrheitlich ehrenamtlich. In einem Kleinstpensum bei der Berner Zeitung verdiente er brutto rund 2000 Franken. Hauptsächlich engagierte sich Galliker für «Mazay», eine Berner Freiwilligenorganisation, deren Mitgründer und Geschäftsführer er ist. «Mazay» setzt sich ein für die soziale und berufliche Integration von Asylsuchenden, vorläufig Aufgenommenen und Flüchtlingen. Anfang 2018 baut Galliker die Organisation gemeinsam mit einer Kollegin auf. Erstes Ziel ist, Geflüchteten Deutsch zu unterrichten. Das Angebot stösst auf Anklang. Ein Jahr später verzeichnet Mazay über 60 Anmeldungen für eine Klasse, Plätze hat es nur deren 16. Galliker und seine Kollegin nehmen diejenigen ins Angebot auf, welche gemäss ihren zuständigen Sozialarbeitern am dringendsten auf eine geregelte Tagesstruktur angewiesen sind. «Als Resultat hatten wir eine Klasse voller psychisch belasteter Personen», sagt Dominik Galliker. Keine Woche verging ohne Zwischenfall – Zusammenbrüche und Selbstverletzung kamen regelmässig vor. Die schwierige Situa­tion offenbarte, worin Mazay die Geflüchteten besser unterstützen könne als mit Deutschunterricht: in der sozialen Integration und der Schaffung von Bezugspersonen. «Die Deutschlehrerinnen und -lehrer wurden für die Asylsuchenden zu Ankerpunkten. Wir realisierten, dass dies viel wichtiger ist als der eigentliche Unterricht.»

Von der Studentin bis zum Pensionär
Mazay stellt um auf das Angebot, das bis heute besteht und stetig ausgebaut wird. Im Zentrum steht die Langzeitbegleitung von Geflüchteten. Die Teilnehmenden des Programmes erhalten eine Bezugsperson, die ihnen durch das Leben hilft – sei es durch das Anhören von Sorgen, Hilfe im Umgang mit Behörden oder kulturelle Belange. Mittlerweile 60 Freiwillige engagieren sich für Mazay. «Unsere Leute kommen aus den verschiedensten Bereichen – von der Studentin bis zum Pensionär», sagt Dominik Galliker. Die Alltagsbegleitung ist eine anspruchsvolle Aufgabe für die Freiwilligen. «Unsere Teammitglieder sind hautnah dran an den schlimmsten Schicksalen. Von psychischen Problemen wie Kriegstraumata bis zu häuslicher Gewalt erleben wir leider alles.» Da die meisten Alltagsbegleiterinnen und -begleiter für ihre Tätigkeit nicht oder nur wenig geschult sind, ist das professionelle Netz, das Mazay bietet, essenziell. So engagiert sich unter anderem eine pensionierte Mitarbeiterin eines Frauenhauses für Mazay, die mit Fachkenntnis und jahrelanger Erfahrung in schwierigen Situationen zur Stelle ist.
Neben den Alltagsbegleitungen betreibt die Organisation das «Mazay Café» am Viktoriaplatz in Bern. «Das Café ist so etwas wie das Eingangstor zu unseren Projekten», sagt Galliker. «Jeder kann mit jedem Anliegen kommen, gemeinsam schauen wir es an.» Das Café fungiere zudem als eine Art «Wohnzimmer» für die Geflüchteten. «Wir bieten einen Ort, an dem sie Platz haben, um sich in der Fremde ein so­ziales Umfeld aufzubauen.» Weitere Angebote von Mazay sind etwa Nachhilfe bei schulischen Problemen, Hilfe bei rechtlichen Angelegenheiten, Übersetzungsdienstleistungen oder Events wie Spielabende oder Wanderwochenenden.

Freiheit dank Supportern
Ab Oktober geht Dominik Galliker keiner bezahlten Arbeit mehr nach und engagiert sich ausschliesslich für Freiwilligenprojekte. Über die Runden kommt er dank Supportern. Derzeit rund 30 Leute, die von Galliker und seiner Arbeit überzeugt sind, unterstützen ihn mit regelmässigen Spenden in materieller und finanzieller Form. So erzielt er ein Einkommen von monatlich rund 900 Franken, lebt in einem vergünstigten WG-Zimmer und erhält seine Haarschnitte gratis. Gallikers Ziel ist es, langfristig mit ungefähr 1600 bis 2000 Franken monatlich zu leben.
Die Finanzierung via Supporter gibt Dominik Galliker Freiheit. «Ich bin auf diese Weise nicht an eine bestimmte Organisation oder ein bestimmtes Projekt gebunden und kann selbst entscheiden, wo ich mein Engagement als am sinnvollsten erachte.» So könne er sich etwa vorstellen, in einem Durchgangslager an der EU-Aussengrenze Hilfe vor Ort zu leisten. Ende 2017 arbeitete Galliker auf diese Weise für vier Monate in Serbien. Seine finanzielle Unabhängigkeit sei zudem nützlich für Mazay. «Vieles hängt heute von mir ab», sagt Galliker. «Das kann nicht ewig so bleiben.» Die Organisation schafft deswegen derzeit Strukturen, mit denen ihr Bestehen langfristig gesichert ist. So betreibt sie ein Fundraising, um ab 2022 eine Stelle in der Geschäftsleitung bezahlt besetzen zu können. Nur so sei das langfristige Bestehen von Mazay gesichert, sagt Galliker. «Sollte ich einmal aufhören, finden wir für meine Nachfolge niemanden, der es sich leisten kann, zu 100 Prozent und ohne Entgelt zu arbeiten.» Weshalb tritt nicht er die bezahlte Stelle an, statt sich über Supporter zu finanzieren? «Auf diese Weise würde sich Mazay nicht weiterentwickeln. Ziel ist es, dass die Organisation über eine Geschäftsführung verfügt und ich mich unabhängig davon zusätzlich engagieren kann.»

Hilfe bei der Wohnungssuche
Ist Mazay und das Engagement der Freiwilligen als Kritik an der Asylpolitik zu verstehen? «Nein», sagt Dominik Galliker. Klar gebe es vieles, das in seinen Augen nicht optimal ablaufe. «Ich verstehe unser Engagement allerdings nicht als Kritik, sondern als Ergänzung zu den professionellen Angeboten.» So sei es etwa nicht realistisch, dass der Staat Alltagsbegleitungen leiste – «das liesse sich nie durch Steuern finanzieren.» An dieser Stelle sei die Freiwilligenarbeit wichtig und richtig. Mehr noch: «Was die Behörden leisten, funktioniert besser, wenn es Angebote wie unsere gibt.» Beispiel: Werde der Zustand eines psychisch belasteten Geflüchteten aufgrund der Hilfe von Mazay stabiler, könne die Arbeitsmarktintegration besser klappen.
Im Café Mazay sitzen Amrullah Mohmand und Zarmina Noori. Die beiden sind aus Afghanistan, Noori erst seit Kurzem in der Schweiz. Über ihren Kollegen Mohmand lernte sie Mazay kennen. Noori sucht eine Wohnung in Bern – ohne Deutschkenntnisse eine schwierige Aufgabe. Dominik Galliker hilft beim Studieren der Annoncen und der Kontaktaufnahme mit Vermietern. Mohmand, der ein wenig Deutsch spricht, sagt: «Ohne Mazay wären solche Dinge für uns fast unmöglich.»

Weitere Informationen über Dominik Galliker und seine Projekte finden Sie unter www.dominikgalliker.ch

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